Curriculum Moritz Jeckelmann

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Curriculum Moritz Jeckelmann

Curriculum en español

>> Auch zu lesen als übliche Liste
>> Das unvollendete nicht manifest. pdf-datei 16 kb
>> Fotografien, s/w, 200 kb

Inhalt:
Mutterland
Schuljahre
wo KEIN wille ist
Pillen gegen Schlaflosigkeit
Nürnberg
Folgerichtigkeit
Salvatore Sciarrino
Cézannes Zwiespalt
Rilke: Der Schauende
Curriculum

curriculum

- Wie gerne gebrauche ich dieses wort, um den versuch zu wagen, über mein bisheriges leben zu berichten. Curriculum hat für mich den klang von etwas behendem, quirligen, von einem kleinen wagen oder einem kleinen rennen... die endung -culum hat etwas verschmitztes, etwas aufmunterndes. Oh ja, ich bin mir bewusst, dass es eine mühsal bedeuten kann, einen sogenannten lebenslauf zusammenzubringen. Meist geht es um ein ereignis im leben, welches sehr von dieser zusammenstellung abhängt. Es kommen ja oft noch hinzu: Auszüge aus strafregistern, geburtsregistern, steuerregistern, all dies, um dieses "curri-culum" ganz und gar nicht einfach zu machen.

Ich versuche es jetzt eher nach dem Motto: "....se non è vero...", wohl wissend, dass es keine objektivität gibt, vor allem nicht in eigenen dingen. Und glauben Sie, ich würde auch nur einen einzigen satz gebrauchen, um mich absichtlich in ein schräges licht zu bringen? Oh nein. Es mag ja auch viel unterhaltsamer sein, die hin-her und mäander, das vorwärts und das rückwärts, den vermeintlichen, ach so unzuverlässigen fortschritt - wie oft erweist er sich schon morgen als täuschung -, das selbstvertrauen, den stolz, die unsicherheit, die scham, ängste, die freuden, so zu schildern, als hätte ich stets alles ergriffen und "im griff" gehabt. Ich werde es wohl nicht so halten. Denn im augenblick, in dem ich dies "im griff" schreibe, wird er mir unheimlich; sofort taucht die frage auf: wer hat wen im griff?

Munter oder weniger munter werde ich hier ein paar ereignisse festhalten, wie sie mir einfallen. Ich halte mir Perlmanns Schweigen von Pascal Mercier vor augen: Perlmann meint, sagt, glaubt, behauptet, bei jeden erzählen aus dem leben, werde das ereignis zu einer neuen wirklichkeit, jedesmal. (siehe auch aus Michel Foucault, le fou et la parole)


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Mutterland

Mir ist als litten wir oft an einer versteckten, uneingestandenen scham. Wo immer wir nach der Schweiz gefragt werden, wo immer sich leute kritisch zu ihrem land, mutterland, äussern, so oft gelingt ihnen keine ruhige, sachliche, kritische bemerkung. Auch ich habe das selbst so oft getan: das geheime schamleiden der schweizer an ihrem land. Gewiss haben wir allen grund, nicht stolz zu sein für manches, was in diesem land geschehen ist und geschieht. Aber dürfte ich etwa nicht auch stolz sein, dass die Schweiz zwar kein heldenland, aber immerhin ein überlebenstüchtiges land ist? Sollte ich nicht schamstolz sein über meine tüchtiges krämerland? Auch mir fällt es nicht leicht. Die gegenwart mit all ihren forderungen und notwendigkeiten enthüllt leider eine ängstliche Schweiz. Ist es am Ende die traumatisierte Schweiz aus der zeit des fürchterlichsten aller kriege mit den unheilbarsten seelischen wunden?

Nürnberg

Das gehört zu mir, was ich da schreibe. Das bin ich vielleicht. Bis vor wenigen Jahren war auch für mich das grosse neue land im norden ein unheimliches land. Ich habe mich auf den weg gemacht, um es kennenzulernen. Ich bin zum ausgangspunkt des schreckens gereist, nach Nürnberg. Dort habe ich die dunkelheit dieses alten schmerzes gespürt, unter dem alle leiden, alle: die ehemaligen verbrecher und die neuen generationen. Dort aber, genau an diesem ort, bin ich dem neuen land begegnet, den neuen menschen, die mir soviel vom schrecken genommen haben.

Denn ich bin in diesem schrecklichsten kriegsjahr geboren, an einem schönen 5. Mai 1941. In der geängstigten, ängstlichen, bedrohten Schweiz. Und ich behaupte, dass ich all diesen horror, dieses morden, diese angst, diese scham gespürt habe als kleines kind, vier jahre lang.

Ohne dass ich es gewusst hätte; ohne dass ich es gespürt hätte, war es auf einmal vorbei. Spüren konnte ich es nicht, denn probealarm und der nächtliche lärm von flugzeugen ängstigten mich zutiefst. Kinderschreck-kind: kriegsgeschädigte kinder waren in unserm dorf, die uns einheimischen das fürchten lehrten. Auf die hohe linde auf dem schulhof bin ich geklettert damals vor der aggressiven heftigkeit eines Kindes, das alle diese schrecken tag für tag erlebt hat.

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Schuljahre

Dann kommt diese lange reihe von schuljahren, von unbekümmertem kindsein in einer grossen handwerker familie, von bekümmernden schulstunden, von hellen und dunklen lehrern, von einer eigenartigen kaufmännischen lehrzeit im betrieb meines vaters, eine schuhmacherwerkstatt mit einem in der nachkriegszeit florierenden schuhladen; von lehr- und wanderjahren in Zürich; von erneutem schulbesuch aus hoffnung und neugier.

Heiratszeit und Ehezeit, Kinderzeit, Scheidungsleiden, Vaterzeit, Elternzeit.

Alles auf die eigentümlichste und unlogischste weise aneinandergehängt. Jede epoche, jedes ereignis sah so oft nach rat- und weglosigkeit aus. Und doch, es ist wohl keine frage von logiken oder folgerichtigkeit, was da im laufe dieser mäanderhaft fliessenden zeit geschieht. Fliessende zeit? Gibt es zeit?

Folgerichtigkeit

Doch scheint es folgerichtigkeit zu geben. Im alter von rund vierzig jahren, ist etwas durchgebrochen, von dem ich heute behaupte, dies sei die unbewusste bewegende kraft all meiner irrenden und suchenden bemühungen gewesen. In diesem alter fing ich an zu malen, zeichnen, gestalten, auf neue art zu suchen. Ein absoluter anfänger und beginner und talentloser, so schien es mir. Ich hatte mir mehr verzweiflung und verwirrung eingehandelt als erfüllung. Ein traum ging in erfüllung: so ist es mit den träumen; solange sie träume sind, sind sie bilder des vollkommensten und begehrenwertesten. Erfüllen sie sich, wenn auch nur portionenweise, sind sie eben wirklichkeit; und die ist nicht immer aus Marzipan.


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Curriculum

3. Mai 2000 … wie viel ist in den vergangene Tagen an curriculum-artigem gleichsam an mir vorbeigehuscht. Gesichter, die mir begegnen, für wenige Sekunden, auf der Strasse, zwei Blicke treffen sich - schon kann daraus eine Geschichte entstehen: curriculum. Ich möchte, das Wort wäre mit dem Currus, Wagen verwandt. Vielleicht ist es das auch, beide bewegen sich, sowohl der wagen wie der mitfahrer…

Den schönsten und zugleich heftigsten passus habe ich bei Ossip Mandelstam gefunden: «Der besitzlose Intellektuelle braucht keine Erinnerungen, es soll ihm genügen, von den Büchern zu erzählen, die er gelesen hat… » (O.M. Das Rauschen der Zeit. Fischer TB 9183 (1989) S.88 f). -

«Erinnern heisst, ganz allein in einem ausgetrockneten Flussbett zurückgehen zu müssen» (ebd. S.95)

siehe auch: Amos Oz, Der Schleuderschwanz. (Amos Oz, Der Dritte Zustand,Frankfurt 2001, S.100f)

Autodidakt

Der autodidakt ist keine insel und auch kein orchesterloser solist, vielmehr ist er eine person, die den instinkt besitzt, immer wieder den richtigen lehrern zu begegnen.

wo KEIN Wille ist, ist dennoch ein Weg

11. Juni 2000... wo KEIN wille ist, ist dennoch ein weg. Gerade heute frage ich mich, was mich denn dazu gebracht hat, auf diesem weg unterwegs zu sein, so irritierend, so beunruhigend allezeit. Natürlich habe ich antworten, selbstgemachte mythen; vorstellungen wie es hat entstehen können. Ein drang, ein suchen... An dem hat es schon was, denn kein bild von mir entsteht, ohne dass ich es suchen müsste. Oft ist die suche ohne ende, selbst wenn ich sagen muss: »... ich weiss nicht mehr weiter…« heisst das nicht, dass es eine gewissheit gibt, das bild zu ende gebracht zu haben. Trivial, was ich da sage: je länger, je genauer ich eine arbeit betrachte, desto unfertiger erscheint sie mir; je länger ich arbeite und schaue und kritisch schaue, desto weniger habe ich eine distanzierte Sicht, desto weniger bin ich in der lage, zu beurteilen. Evidentemente. - 2.August 2006: es gibt kein objektiv stichhaltiges urteilen…

Pillen gegen Schlaflosigkeit.

» Wir haben Pillen gegen Schlaflosigkeit. Ein bisschen mehr Schlaflosigkeit, finde ich, würde aber gar nicht schaden. Wir fangen dann zu zweifeln an, stellen alles Mögliche und Unmögliche in Frage, überhaupt gibts dann plötzlich nur noch Fragen und keine klaren Antworten mehr. Für mich hat dieser Zustand viel mit meinem Dasein als Künstler zu tun. Was Luigi Nono mal als Inschrift in einem alten Kloster gefunden hat, trifft bestens auch auf mich zu: "No hay caminos, hay que caminar." Es gibt keine Wege, aber man muss immer weitergehen, das heisst dauernd alles in Frage stellen, speziell sich selber. Dazu stehe ich in einer europäischen Tradition, die ihre Inspiration vor allem aus dem Leiden bezieht. Unlösbare Probleme, Schmerz, das Irrationale, Tragödien sind der Stoff, das Leichte muss hart erkämpft werden.« (…) »Vielleicht kann ich es so erklären: es gibt chaotisch viele Sterne am Himmel, manche sind näher und grösser, andere weiter weg und kleiner. Wir setzen sie aber in unserer Vorstellung zu Gebilden zusammen, geben ihnen Namen, auch wenn sie gar nicht zusammengehören, und so hat der scheinbare Zufall für uns Sinn. Vielleicht mache ich so etwas auch in meinen Kompositionen.«

(Fledermäuse und Insektenverfolgungsjagden. Ein Beitrag über Salvatore Sciarrino, Komponist von Lislot Frei in WOZ Nr. 22, 31.Mai 2000, S. 8)

Cézannes Zwiespalt

So haben wir alle unsere bilder und unsere erklärungen. Sie könnten durch beliebige andere ersetzt werden. Keine kann etwas erklären oder aufhellen. Da steht auch Cézannes zwiespalt zum wort in der wechselbeziehung zu seiner malerei. Es gibt die aufzeichnung eines gesprächs mit seinem freund, dem arzt Gachet (?), wo er unwillig, fast zornig… prompt in den unauflöslichen widerspruch von wort und reden und malerei hineingleitet und dementsprechend ärgerlich reagiert.

Hinter oder unter allem verbergen sich, nicht leicht sichtbare andere konflikte und wirrungen, die sich in jeder phase der arbeit auswirken können, als zweifel, destruktive selbstkritik, hemmungen und lähmungen. Thomas Mann sagt dazu in den selbstkommentaren zu "Joseph und seine Brüder": "Ein hartes Leben? Ich bin ein Künstler, das heißt: ein Mensch, der sich unterhalten will - darüber soll man kein feierlich Gesicht ziehen. Freilich kommt es darauf an, wie hoch man es bringt in der Unterhaltung: je höher, desto absorbierender wird die Geschichte. In der Kunst hat man es mit dem Absoluten zu tun, und das ist kein Kinderspiel. Aber ein Kinderspiel ist es dann eben doch wieder, und ich vergesse nie das ungeduldige Wort Goethe's »Von Leiden kann ja bei der Kunst keine Rede sein.« Rückblickend hat er dann später gesagt: »Es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuem gehoben sein wollte. « Gut bemerkt. Aber man sollte uns den verfluchten Felsblock nur wegnehmen, und wir würden sehen, welches Heimweh wir danach hätten! Nein, von Leiden kann in der Kunst nicht die Rede sein. Wer sich ein im tiefsten Grunde so vergnügliches Geschäft erwählt hat, soll vor ernsthaften Leuten nicht den Märtyrer spielen". [Thomas Mann, Brief 7.9.1941]

An einer andern Stelle meint er, wenn ein Künstler nicht von Zeit zu Zeit den Glauben verliere, sei er nicht imstande, etwas rechtes zu schaffen.



R:M. Rilke, DER SCHAUENDE

Ich sehe den Bäumen die Stürme am,
die aus laugewordenen Tagen
an meine ängstlichen Fenster schlagen,
und höre die Fernen Dinge sagen
die ich nicht ohne Freund ertragen
nicht ohne Schwester lieben kann.

Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
geht durch den Wald und durch die Zeit,
und alles ist wie ohne Alter;
die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.

Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt; wie ist das gross;
liessen wir, ähnlicher den Dingen,
uns so vom grossen Sturm bezwingen, -
wir würden weit und namenlos.

Was wir besiegen, ist das Kleine,
und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und das Ungemeine
will nicht von uns gebogen sein.
Das ist der Engel, der den Ringern
des Alten Testaments erschien:
wenn seiner Widersacher Sehnen
im Kamofe sich metallen dehnen,
fühlt er sie unter seinen Fingern
wie Saiten tiefer Melodien.

Wen dieser Engel überwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet,
der geht gerecht und aufgerichtet
und gross aus jener harten Hand,
die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte
von immer Grösserem zu sein.

R.M. Rilke: Das Buch der Bilder

Autoportraits

mein nichtmanifest. version august 2000. pdf-datei 16 kb

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Cézannes Zwiespalt
Rilke: Der Schauende
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