home | inhalte und ziele | ausstellungen| lyrik | curriculum | mj-texte


labansgöttin. Heute Entropia

So spät es war, als Oheim und Neffe aus der Stadt nach Hause zurückkehrten,
so hielt doch Laban darauf, noch diese Nacht die Kontrakttafel in dem Kellerraum
seines Hauses niederzulegen, der als Aufbewahrungsort für solche Urkunden
diente; und Jaakob begleitete ihn, auch er eine brennende Lamp in der Hand. Das
Gelaß lag unter dem Fußboden des Erdgeschoßzimmers der linken
Hausseite, gegenüber der Galerie, wo man gestern zu Abend gegessen, und stellte
etwas vor wie ein Archiv, eine Kapelle und eine Begräbnisstätte zugleich;
denn Bethuels Gebeine ruhten hier in irdener Truhe, die, umgeben von Schalen und
Nahrungsopfern und von Dreifüßen mit Räucherpfannen, inmitten
des Raumes stand, und hier irgendwo, noch tiefer unter dem Boden oder in der Seitenwand,
mußte sich auch die Tonkruke mit den Resten von Labans dargebrachtem Söhnchen
befinden. Es war eine Nische im Hintergrunde des Kellers mit einem Altar in Form
eines Backsteinblockes davor, und an den Seiten liefen niedrige und schmale Bänkchen
hin, auf deren einem, dem zur Rechten, allerlei Schrifttafeln lagen, Quittungen,
Rechnungen und Verträge, die hier in Sicherheit gebracht waren. Auf dem anderen
dieser Podeste aber waren kleine Götzlein aufgereiht, wohl zehn oder zwölf,
wunderlich zu sehen, mit hohen Mützen teils und bärtigen Kindergesichtern,
teils kahlköpfig und bartlos, in Schuppenröcken und mit bloßem
Oberfigürchen zum Teil, auf dem sie, hoch unterm Kinn, gar friedlich die
Händchen zusammenfügten, und anderen Teiles in nicht von feinster Hand
modellierten Faltenkleidern, unter deren Saum ihre plumpen kleinen Zehen zum Vorschein
kamen. Das waren Labans Hausgeister und Wahrsagemännlein, seine Teraphim,
an denen er innig hing und mit denen der finstere Mann sich in jeder wichtigeren
Angelegenheit hier unten beredete. Sie schützten das Haus, wie er dem Jaakob
erklärte, zeigten ziemlich zuverlässig das Wetter an, berieten ihn in
Fragen des Kaufes und Verkaufes, vermochten Hinweise zu geben, welche Richtung
ein verlaufenes Schaf eingeschlagen, und so fort.
Thomas Mann, Josef und seine Brüder, Die Geschichten Jaakobs, Fischer Frankfurt
9435, S.249

Labansgötter

Labansgöttin, zustand 1

Labansgöttin
sm.jpg)
Labansgöttin / Schlangengöttin / Weisse Göttin / o.Name-Gott / Hirtengott / Blinder Gott / Feuergöttin / Unterwelt Göttin / Göttin der Tausend Fliegen

Der babylonische Engel

Tamar 1 - Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, Joseph der Ernâhrer 11. Auflage: Juni 2003 Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, Mai 1991 S.297-299

Tamar, Ausschnitt
Den Rückweg hinab in seine Gegend legte er allein zurück; er ging
am liebsten allein. Daß er zu Fuße ging, wissen wir, denn er führte
einen guten Knaufstock, der etwas wert war, und solchen braucht man nicht für
ein Reittier, sondern zum Schreiten. An ihm schritt er die Pfade der Hügel
hinab, zwischen Weinhângen (297) und Ortschaften, im Spâtglanz des
Tages, der ràtlich zur Rüste ging. Weg und Steg waren ihm wohl vertraut;
da war auch Enam, die Stâtte Enajim am Fuße der Höhen, wo er
vorbei mußte, gen Ehesib und Odollam, purpurn angestrahlt Hâuser,
Lehmmauer und Tor von den feiernden Himmeln. Am Tore kauerte eine Gestalt; als
er näher kam, sah er, daß sie in eine Ketnet, das Schleiergewand
der Bestrickenden, gehüllt war.
Sein erster Gedanke war: Ich bin allein. Sein zweiter: Ich gehe vorüber.
Sein dritter: Ins Untere mit ihr! Muß mir die Kedesche, die Freudennonne
am friedlichen Heimweg sitzen? Es sieht mir âhnlich. Aber ich kümmere
mich nicht darum, denn ich bin zweimal, der ich bin: der, dem's âhnlich
sieht, und der, der sich darüber erbittert, sich verleugnet und zornig
vorübergeht. Das alte Lied! Muß es immer wieder gesungen sein? So
singen angeschmiedete Rudersklaven aus stàhnender Brust bei der Fron.
Droben sang ich's âchzend mit einer Tanzdirne und sollte satt sein für
eine Weile. Als ob die Hàlle sich je ersâttigte. Schmachvolle Neugier,
absurde, nach dem hundertfach Abgeschmackten! Was wird sie sagen und wie sich
gehaben ? Einer, der nach mir kommt, mag es erproben. Ich gehe vorüber.
Und er blieb stehen. "Die Herrin zum Gruß!" sagte er. "Sie
stärke dich!" flüsterte sie. Da hatte der Engel der Lüste
ihn schon gepackt, und ihr Flüstern machte, daß er vor Neugier erschauerte
nach dem Weibe.
"Raunende Wegelagerin", sagte er mit bebendem Munde, "auf wen
wartest du?"
"Ich warte", antwortete sie, "auf einen lustigen Lüstling,
der die Geheimnisse der Göttin mit mir teilen will."
"Da komm ich halbwegs recht", sagte er, "denn ein Lüstling
bin ich, wenn auch kein lustiger. Ich habe keine Lust zur Lust, aber sie zu
mir. In deinem Amt, denke ich mir, ist man auch nicht sehr lustig zur Lust,
sondern muß froh sein, wenn andere Lust haben."
"Wir sind Spenderinnen", antwortete sie. "Kommt aber der Rechte,
wissen wir auch zu empfangen. Hast du Lust zu mir?"
Er rührte sie an. "Was gibst du mir aber?" hielt sie ihn auf.
Er lachte.
"Zum Zeichen", sprach er, "daß ich ein Lüstling mit
einem Anflug von Lustigkeit bin, will ich dir einen Ziegenbock von der Herde
geben, daß du mein gedenkest."
"Aber du hast ihn nicht mit dir." "Ich will ihn dir schicken."
"Das sagt man vorher. Nachher ist man ein anderer Mann, der des Vorigen
Wort nicht kennt. Ich muß ein Pfand haben."
"Nenne es!"
"Gib mir den Ring deines Fingers, die Knotenschnur um deinen Hals und den
Knaufstock in deiner Hand!"
"Du weißt für die Herrin zu sorgen!" sagte er. "Nimm!"
Und er sang das Lied mit ihr am Wege im Abendrot, und sie entschwand um die
Mauer. Er aber ging heim und sagte am nächsten Morgen zu Hirah, seinem
Hirten: "Übrigens so und so, du weißt, wie's geht. Es war da
am Tor von Enajim, der Stätte Enam, eine Tempelmetze, mit deren Augen es
etwas auf sich hatte unter dem Ketnet, - kurz, was rede ich viel unter
Männern! Sei so gut und bring ihr den Ziegenbock, den ich ihr versprochen
habe, daß ich meine Sachen wiederbekomme, die ich ihr lassen mußte,
Ring, Stab und Schnur. Bring ihr einen guten Mamberbock, der was taugt, ich
will mich von der Lümpin nicht lumpen lassen. Mag sein, sie sitzt wieder
am Tor; sonst frage die Leute!"
Hirah wählte den Bock, teuflisch häßlich und prächtig,
mit Ringelhörnern, gespaltener Nase und langem Bart, und führte ihn
nach Enajim, ans Tor, wo niemand war.
"Die Hure", fragte er drinnen, "die außen am Wege saß?
Wo ist sie? Ihr müßt doch eure Hure kennen!" Sie antworteten
ihm aber: "Hier war und ist keine Hure. Das gibt's nicht bei uns. Wir sind
ein dezentes Städtchen. Such dir woanders die Geiß für deinen
Bock, sonst fliegen Steine!" Das sagte Hirah dem Juda an, der die Achseln
zuckte.

Tamar 2

Tamar, Version 2

Tamar, Version 2

Jaakobs Traum - Thomas Mann, Josef und seine Brüder, Geschichtern Jaakobs,
Fischer Frankfurt 1967, S.139ff

Der Zug der Jaakobsleute, linolschnitt 50x70 cm
Reisen der Jaakobsleute. Fotomontage. Quelle GNU